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Gemeinsame Presseinformation des BDK / Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden und der DGKFO / Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie vom 24

DGKFO und BDK:

Gemeinsam für eine starke Kieferorthopädie zwischen Wissenschaft und Politik

Deutlich wurde bei der zurückliegenden Jahrestagung der DGKFO in Stuttgart der Schulterschluss von Wissenschaftlicher Gesellschaft und Berufsverband im Bemühen, die Zukunft des Faches zwischen Politik und Wissenschaft gemeinsam zu gestalten und interessengesteuerten Anfeindungen ebenso gemeinsam fundierte Antworten entgegenzusetzen. Der große Erfolg der Jahrestagung lieferte dabei eine gewichtige Grundlage. DGKFO-Präsident Prof. Dr. Andreas Jäger/Bonn: „Das Interesse der Kolleginnen und Kollegen hat die Erwartungen übertroffen, wir konnten ca. 2100 Teilnehmer begrüßen.“ Das spreche für eine hohe Bindungskraft der Mitglieder an ihre Fachgesellschaft, aber auch für die Fortbildungsbereitschaft der Kieferorthopäden generell sowie nicht zuletzt für die spezielle Gestaltung des Tagungsprogramms. Für die Themenauswahl, aber auch für die dezidierte Nachwuchsförderung gab es deutliches Lob auch seitens der 1. Bundesvorsitzenden des BDK, Dr. Gundi Mindermann: „Durch zahlreiche Angebote speziell für junge Kolleginnen und Kollegen aus Wissenschaft und Praxis hat das Programm Weichen gestellt für die Kieferorthopädie in den nächsten Jahren.“ Dass hier viel Qualität sichtbar wurde, bestätigt Professor Jäger: „Die teilweise wirklich anspruchsvollen wissenschaftlichen Vorträge des ‚Nachwuchses’ im Rahmen des ‚Parallelsymposiums’ haben mich persönlich sehr beeindruckt. Hier wurde der oft beklagte Mangel an wissenschaftlichem Nachwuchs in unserem Fach nachhaltig widerlegt.“ Eine Botschaft, die über das Fachliche hinaus wichtig ist für ein Gebiet, das sich immer wieder Anfeindungen gegenübersieht – nicht zuletzt seitens der Kostenträger, die mit angeblich fehlender fachlicher Evidenz ihr Ablehnungsmanagement forcieren.


Große Herausforderungen an das Fach

Für Dr. Mindermann ist die fundierte wissenschaftliche Absicherung, wie sie die DGKFO-Jahrestagung bot, auch für die Arbeit des Berufsverbandes wesentlich: „Die Themenwahl bot wichtige Inhalte für die zukünftige politische Arbeit. Wir stehen vor großen Herausforderungen, um die Grundlagen für die kieferorthopädische Arbeit sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis zu erhalten.“ Dass das Konzept der DGKFO-Jahrestagung weniger auf der Vermittlung neuester wissenschaftlicher Ergebnisse lag, sondern, wie Professor Jäger sagt, „darauf, in wieweit solche Ergebnisse erfolgreich ihren Weg in die kieferorthopädische Praxis gefunden haben“, unterstützt die berufspolitische Arbeit des BDK hinsichtlich der Argumentation gegenüber den Kostenträgern. An einem Beispiel aus dem Kongress-Programm macht Professor Jäger deutlich, wie die Wissenschaft die kieferorthopädische Praxis mit abgesicherten Verfahren unterstützt: „Es war schon beeindruckend, die aktuellen Chancen bezüglich der heute möglichen konservativen Therapie der Klasse III („Progenie“), z.T. auch bei Patienten mit Gesichtsspalten, zu sehen.“ Es gebe keinen Grund für das Fach, sich Sorgen um die angeblich mangelnde Evidenz zu machen: „Nach meiner Einschätzung hat erfreulicherweise die Qualität klinischer Studien in unserem Fach in den letzten Jahren stetig zugenommen.“ Dabei stehe die Kieferorthopädie vor deutlich größeren Problemen als viele Gebiete in der Zahnheilkunde: „Der erforderliche langjährige Beobachtungszeitraum als Voraussetzung für evidente Aussagen stellt nach wie vor eine große Herausforderung dar.“

Dass genau diese Situation den Sparkonzepten der Kostenträger in die Hände spielt, beobachtet Dr. Mindermann immer öfter: „Die Diskussion um evidenzbasierte Nachweise des Nutzens medizinischer Arbeit ist in den letzten Jahren in den Focus nicht nur der politischen Diskussion geraten. Es wird häufig versucht, auf Grund sogenannter nicht evidenzbasierter Studien den Nutzen und die Wertigkeit einiger Behandlungen in Abrede zu stellen, selbst wenn die tägliche Praxis das sichere Gegenteil beweist. In einigen politischen Diskussionen wird sehr deutlich, dass die sog. fehlende Evidenz die Grundlage für eine Abwertung der Leistungen sein soll. Dieser Entwicklung muss entschieden entgegen getreten werden.“ Es sei daher nur zu begrüßen, dass sich wissenschaftliche Gesellschaft und Berufsverband Seite an Seite stellen, um solchen Bestrebungen fachlich Gegenwind zu bieten.

„Wellness“: Ablehnungsmanagement der Kostenträger

Zur Kritik der angeblich mangelnden Evidenz habe sich aktuell eine weitere Ebene an Vorhaltungen entwickelt, so Dr. Mindermann, die mit gleicher Zielrichtung von den Kostenträgern in die Öffentlichkeit geschoben worden sei: Da auch die Privatversicherer mehr und mehr mit dem GKV-Argument des medizinischen Nutzens argumentieren, sei die Kieferorthopädie in die Ecke Wellness/Ästhetik geschoben worden und somit in einen Bereich, in dem die Übernahme der Behandlungskosten nicht zwingend ist. Auch hier erweise es sich sowohl politisch als auch fachlich als große Hilfe für das bedrängte Fach, dass wissenschaftliche Gesellschaft und Berufsverband mit Überzeugung die gleiche Sprache sprechen. Einig ist man sich darin, dass ein ästhetisches Ergebnis nicht per se Anlass für Kritik bietet. Professor Jäger: „Ich denke, dass der Aspekt der ‚Ästhetik’ von fast keinem medizinischen Fach ausgeklammert wird. Auch z. B. im Rahmen der chirurgischen Therapie des Mamma-Karzinoms bezieht ein guter Chirurg die Aspekte eines Erhalts der Brust in seine therapeutischen Überlegungen mit ein.“ Zudem sei der Anspruch der Patienten in Bezug auf die Ästhetik, nicht nur bezüglich ihrer Zähne, im Laufe der Jahre gestiegen. „Für unser Fach erscheint es mir dabei wichtig, dass wir – neben den Erfordernissen der Funktion – auch diese Ansprüche heute immer besser befriedigen können.“ In diesem Zusammenhang möge aber kritisch unterschieden werden, wo eine Behandlung auf teilweise modeabhängige „Schönheit“ abziele und wo sie eine Antwort biete auf den nachgewiesenen Zusammenhang zwischen stigmatisierenden Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild der Patienten mit definitiv nachgewiesener Auswirkung auf die Lebensqualität.

„Letzen Endes spielt natürlich auch die Priorisierung der verschiedenen Facetten eines Faches bei ihrer Darstellung in der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle“, sagt Professor Jäger. „Hier war die traditionelle Außenansicht der Kieferorthopädie als Zahnmedizin für Kinder mit dem Anspruch der Schaffung eines langfristig gesunden Gebisse sicherlich primär positiv. Dies beinhaltet z.B. auch die frühe Rehabilitation von Kindern mit kraniofazialen Fehlbildungen wie z.B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. In der jüngeren Vergangenheit wird jetzt allerdings von verschiedenen Neidern immer wieder versucht, das gesamte Fach auf die Ecke Wellness/Ästhetik zu reduzieren.“

Letztendlich werde es die Aufgabe der Kieferorthopädie in der Zukunft sein, sich nicht auf den Bereich der Ästhetik reduzieren zu lassen, sondern die objektiv vorhandenen Möglichkeiten als kompetenter ‚Player’ in einer synoptischen prophylaxeorientierten Zahnmedizin verstärkt offensiv nach außen zu transportieren. Warum die Ästhetik-Debatte für das Fach so riskant ist, bringt Dr. Mindermann auf einen kurzen Punkt: „Die zur Zeit von verschiedenen Seiten angestoßene Diskussion hat ausschließlich bewertungstechnische Gründe. Je mehr Kieferorthopädie in die sogenannte  Wellness-Ecke gestellt wird, desto weniger kann sie den Kostenträgern wert sein. Dieser Entwicklung treten wir energisch entgegen.“

„Berufspolitik und Wissenschaft: Mit einer Sprache sprechen“

Bereits bei der Eröffnung der DGKFO-Jahrestagung haben daher sowohl Professor Jäger als auch Dr. Mindermann diesbezüglich deutlich Position bezogen und klargestellt, dass sich die beiden Bereiche nicht spalten lassen. Der DGKFO-Präsident erachtet die Zusammenarbeit nicht zuletzt aufgrund der Rolle des Faches in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde als notwendig: „Kieferorthopädie stellt sowohl innerhalb der Zahnärzteschaft als auch innerhalb der Zahnmedizinischen Kliniken eine Minorität dar. Umso wichtiger ist es, dass bei der Darstellung des Faches nach außen Berufspolitik und Wissenschaft mit einer Sprache sprechen. Aussagen der Berufspolitik gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit sind auf die Validierung durch die Wissenschaft angewiesen. Umgekehrt ist eine kieferorthopädische Wissenschaft mit Verankerung in die Medizinischen Fakultäten langfristig nur denkbar mit dem Ziel der Ausbildung von klinisch tätigen Kolleginnen und Kollegen in den Fachpraxen.“ Um die Anerkennung der Kieferorthopädie, ergänzt Dr. Mindermann, als ernstzunehmendes medizinisches Fach zu verfestigen, ist nur eine gemeinsame Positionierung zielführend. Nicht zuletzt biete die Weiterentwicklung des Faches dabei enormes Potential – vor allem für die Patienten. Die Vielfalt der Möglichkeiten der Disziplin und auch ihre nachweislichen Erfolge seien Grundlage für ein deutliches Selbstbewusstsein ihrer Akteure in Wissenschaft und Praxis.

Professor Jäger bestätigt die Aufgabenbreite, mit der sich die moderne Kieferorthopädie in der Patientenversorgung behauptet: „Ich bin der Auffassung, dass die aktuelle kieferorthopädische Wissenschaft die beiden Aspekte ‚wachstumsbegleitende Therapie bei Kindern und Jugendlichen’ auf der einen und  ‚interdisziplinäre Therapie bei erwachsenen Patienten’ auf der anderen Seite in angemessener Art und Weise abdeckt.“ Es gehe nun darum, das Fach noch enger mit der allgemeinen Zahnmedizin sowie mit der Medizin zu verzahnen. Dies betreffe die Bereiche der Grundlageforschung ebenso wie die Initiierung weiterer aussagekräftiger prospektiver kontrollierter klinischer Studien.

Eine solche Vernetzung und wissenschaftliche Abfederung, so Dr. Mindermann, optimiere die Arbeit in der kieferorthopädischen Praxis und auch in der Berufspolitik. Die Praxis der Zukunft stelle an die jungen Kolleginnen und Kollegen ohnehin erheblich größere Aufgaben, als dies in der Vergangenheit der Fall war: „Reichte vor über zwanzig Jahren noch eine solide Aufklärung des Patienten und eine engagierte Behandlung, so sind es heute ganz andere Praxisbedingungen, die neben der fachlichen Herausforderung den Alltag erschweren.“ Es gebe dem Berufsstand und insbesondere dem ‚Nachwuchs’ ein gutes Gefühl, diesen Herausforderungen nicht alleingelassen begegnen zu müssen: „Anfeindungen und wirtschaftlichem Druck können wir nur standhalten, wenn wir mit fundierten Sachargumenten zusammenstehen und gemeinsam unser eindrucksvolles Fach gegen interessengetragene Kritik beschützen. Unser Dank gilt der wissenschaftlichen Gesellschaft, denn bei unsachgemäßer Kritik von Politik, Kostenträgern und Medien haben die Kieferorthopäden nun nicht mehr allein ihren Berufsverband, sondern auch ihre wissenschaftliche Gesellschaft an der Seite.“


BU-Vorschlag: Eröffnung der DGKFO-Jahrestagung im Beisein von DGZMK-Präsident Prof. Dr. Dr. Henning Schliephake: In den Grußworten seitens des DGKFO-Präsidenten Prof. Dr. Andreas Jäger (rechts) und BDK-Bundesvorsitzender Dr. Gundi Mindermann (links) wurden Notwendigkeit und Bereitschaft zu gemeinsamer Positionierung in der Kieferorthopädie betont.

Für Rückfragen: Dr. Gundi Mindermann (1. Bundesvorsitzende des BDK)

über Pressestelle: Birgit Dohlus/dental relations, Tel: 030 / 3082 4682 , eMail: info@zahndienst.de

 
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