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Stellungnahme zur DIMDI Studie

Stellungnahme des Berufsverbandes der Deutschen Kieferorthopäden zur DIMDI-Studie / vom 7. Mai 2008

Studie untermauert BDK-Forderungen: Kieferorthopädie ein Fachzahnarztberuf

Der veröffentlichte HTA Bericht zur wissenschaftlichen Absicherung der Sinnhaftigkeit einer kieferorthopädischen Versorgung scheint viele Fragen aufzuwerfen. Allerdings sei die Frage erlaubt, warum gerade zum jetzigen Zeitpunkt dieses Thema so intensiv diskutiert wird. Vor dem Hintergrund der Diskussion um die Grundlage der neuen Gebührenordnung im privaten Versicherungsbereich und der Finanzierbarkeit der gesetzlichen Versicherungen sowie der Entwicklung des Faches Kieferorthopädie im europäischen und internationalen Ausland ist die Frage nach evidenzbasierten Studien zur Absicherung der Wirkung von kieferorthopädischen Behandlungen kritisch zu hinterfragen.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass die in der Studie angesprochene Abweichung von wissenschaftlich nachgewiesenem Nutzen der kieferorthopädischen Behandlung und der durch Werbung und Industrie hervorgerufenen Nachfrage nach kieferorthopädischer Behandlung ein Ansatzpunkt für die Gesundheitspolitik ist, eine Koppelung der Feststellung des kieferorthopädischen Behandlungsbedarfes an den Umfang der Leistungserbringung zu sehen. Beispielhaft wird unter anderem die Indikation zur kieferorthopädischen Behandlung genannt. Hier würden wissenschaftlich fundierte Studien fehlen, um einen exakten medizinischen Behandlungsbedarf nachzuweisen.

Indikation nicht nur eine Frage der Wissenschaft
Die Indikation zur kieferorthopädischen Behandlung ist eine Frage, die sich in der Regel in der täglichen Praxis nicht nach nur nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten stellt, sondern auch nach dem Leidensdruck der Patienten. Nur wenn beides zusammenkommt, die fachlich begründete Indikation zur Behandlung und der Wunsch des Patienten zur Behandlung, dann erst beginnt die kieferorthopädische Therapie. Die ethische Frage der Indikation zur Behandlung ist daher für den Praktiker leicht zu klären, da die Indikation zur Behandlung immer gemeinsam mit dem Patienten auf der Grundlage des Fachwissens des Fachzahnarztes für Kieferorthopädie getroffen wird.

Hierzu wissenschaftliche Studien zu erbitten ist ein wünschenswerter Weg, würde dies doch sowohl die politische Diskussion positiv beeinflussen wie auch die Sicherheit für den Praktiker erhöhen. Jedoch kann das Nichtvorliegen von wissenschaftlichen Studien nicht die Grundlage für die Infragestellung der Leistungspflicht durch Versicherungen sein.
In naher Zukunft wird es die Aufgabe der wissenschaftlichen Gesellschaften sein, hier Studien zu veranlassen, die dem Praktiker Unterstützung in seiner fachlichen Arbeit in der täglichen Praxis gewährleisten. Die Themen der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie zeigen deutlich, dass dies von der Wissenschaft bereits erarbeitet wird.

Komplexes Fachwissen verlangt Fachzahnarztausbildung
Für uns vom BDK ist ein mit dieser Veröffentlichung deutlich gewordener zweiter Aspekt von entscheidender Bedeutung: Kieferorthopädie ist ausschließlich ein Thema für Fachzahnärzte. Wir in den kieferorthopädischen Fachzahnarztpraxen haben auf der Grundlage unserer dreijährigen Weiterbildung, in ständigem Austausch mit den Innovationen aus Wissenschaft und auch aus der Behandlungstechnik einen großen Fundus an komplexem Fachwissen einerseits und an Erfahrung andererseits. Kieferorthopädische Therapien „reparieren“ nicht einfach eine schadhafte Stelle im Mund, sondern beziehen mittel- und langfristig das gesamte orale System mit ein. Der Jahreskongress des German Board, eines Zusammenschlusses von Wissenschaft und Praxis hat deutlich gezeigt, dass Kieferorthopädie weit mehr ist als nur ‚gerade Zähne’. Gerade die Entwicklung des Faches Kieferorthopädie hat in den letzten Jahren immer deutlicher vermittelt, dass Mundgesundheit ein sehr komplexes Thema ist und an den Zähnen tatsächlich immer auch ein ganzer Mensch hängt. Dieser Sachzusammenhang wird seit Langem im Rahmen der Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Kieferorthopädie gelehrt. Nur die Kombination von reichhaltiger praktischer Erfahrung und Weiterbildung im Zusammenhang mit der Wissenschaft garantiert das hohe zahn- und medizinische Niveau. Der BDK hat bereits sehr früh die Notwendigkeit der engen Verzahnung gesehen und mit der Gründung des German oard, eines Zusammenschlusses von Hochschule und Praxis, sowie mit der Initiative Kiefergesundheit, einer Aufklärungsgesellschaft zur Mundgesundheit, Zeichen gesetzt.

Ausbildung braucht Anbindung an die Hochschule
Eine qualitätsorientierte kieferorthopädische Behandlung ist jedoch nur möglich, wenn auch die Grundlagen für eine fundierte Ausbildung geben sind. Daher ist eine intensive, an der Hochschule verankerte Weiterbildung erforderlich, die sich ausschließlich auf das Fachgebiet konzentriert. Kieferorthopädie ist ein hoch spezialisiertes Fachgebiet, das nicht nebenbei oder aber mit einer ausschließlichen theoretischen Fortbildung erlernt werden kann. Nur wenn die Grundlagen einer guten wissenschftlich basierten Weiterbildung mit praktischer Erfahrung kombiniert werden, kann qualitätsentsprechend behandelt werden. Einzelfallkasuistiken zeigen dies immer wieder. Es war und ist die Kieferorthopädie, die dem Thema Kiefergelenk und Okklusion ihre heutige Bedeutung in der Zahnheilkunde mit auf den Weg gegeben hat. Die kieferorthopädische Zahnmedizin, die mit physikalischen Kräften und biologischen Abläufen für eine Verbesserung der Gesamt-Mundgesundheit oft erst die Basis schafft, ist kein Gebiet, das man sich in einem Wochenendkurs oder einem Crash-Curriculum mal eben erschließen kann.

Wir sehen die DIMDI-Studie als einen weiteren Beleg dafür, dass Kieferorthopädie ein Fachzahnarztberuf ist und auch bleiben muss. Und da wir Praktiker tagtäglich erleben, wie sich die praktizierte Kieferorthopädie positiv auswirkt, oft auch nach Jahrzehnten an ehemals von uns behandelten Patienten, die dann mit ihren Kindern die Praxen wieder aufsuchen, sind wir recht sicher und haben vollstes Vertrauen in unsere wissenschaftliche Fachgesellschaft, die DGKfO, dass sie auch die Belege wird liefern können, die nicht nur der Praxis dienen wie bisher, sondern auch den Anforderungen der wissenschaftlichen Fachwelt.

Dr. Gundi Mindermann 1. Bundesvorsitzende des BDK

 
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